Die Deutschen, das Bier, der Tango und der Candombe.

von Juan D. Lange, Sept. 2012
Ungefähr zwischen 1860 und 1890, zeitgleich mit den ersten Tangos, tauchten am Rio de la Plata die Deutschen mit ihren Brauereien auf. In Montevideo gründete Konrad Niding 1866 die erste Brauerei "La Popular", die er 1877 an den Österreicher Eduard Richling verkaufte um dann 1890 "La Montevideana" zu gründen. 1892 gesellte sich dann der Preuße Friedrich Mux mit der "Germania" hinzu. Die damalige Bankenkrise zwang die Brauereikontrahenten zu einer Fusion und so entstand die "Cervecería Uruguaya", eine Aktiengesellschaft die von August Hoffman, einem deutschen Bankier, aus dem Hintergrund gesteuert wurde.
Als Renommierbau und Aushängeschild der Gesellschaft wurde der "Palacio de la Cerveza" (Bierpalast) im Art deco Stil 1925 in der Straße Yatay 1419 gebaut.
Ein ausgedehnter Biergarten, "Parque Munich" genannt, schloss direkt an das Gebäude an. In diesem Bierpalast fand 1935 die legendäre Tagung der Synode der evangelischen Kirche vom Rio de La Plata statt. Die Presse der Zeit wußte zu berichten wie die evangelischen Pfarrer die Bierbestände des Palastes leerten.
Palacio de la cerveza 1925
Palacio de la cerveza 1925 nach seiner Erbauung
Palacio de la cerveza 1930
Der Palacio de la cerveza um 1930
Doch nicht immer waren so trinkfreudige Gäste zu Besuch, so daß ab 1939 der Bierkonsum mit der Darbietung von Livemusik gefördert werden sollte. Die populäre Musik dieser Zeit war der Tango. So startete Pintín Castellanos mit seinem unvergesslichen Orquesta Típica mit Alfredo Gobbi an der Violine die Vorstellungen. Sein Stil war rhythmisch, akzentuiert und zur Unterstützung der Milongas wurden die Candombe-Trommeln eingesetzt.
Ein volles Haus war garantiert und die Milonga-Candombe war als ein Kind des "Palacio de la Cerveza" in Montevideo geboren.
 

Der Porzellan Zapfhahn um 1928
Der Porzellan Zapfhahn um 1928

Ab dann wanderten über die Bühne des Bierpalastes die Großen Namen jener Zeit: Francisco Canaro, Juan D'Arienzo, Aníbal Troilo, Leopoldo Federico und Sänger wie Julio Sosa, Carlos Roldán etc.
 

1953 schloss der "Palacio de la Cerveza" seine Türen. Zwei Jahre später wurde er vom "Club Atlético Sudamerica" unter Leitung von Roque Santucci gekauft und auf "Palacio Sudamerica" umgetauft. Santucci ließ die Tango-Aktivitäten wieder aufleben und engagierte 1956 Alberto Castillo, der schon in den Vierzigern hier die Bühne frequentierte. Der Einfluss dieser Zeit ist deutlich in seinem Repertoire zu hören besonders in seinen Candombes, die er dann auch nach Buenos Aires brachte. (Baile de los morenos, Estampa del 900 etc.). Jetzt mit einem Exclusivvertrag der Biermarke Doble Uruguaya ausgestattet, stand er regelmäßig auf der Bühne des Palacio Sudamerica. Seine Auftritte wurden live über Radio Carve unter das Volk gebracht. In den sechziger und siebziger Jahren wurde das Musikrepertoire im Palacio Sudamerica durch Música Tropical (aus der Karibik) erweitert und die Tanzpisten getrennt. Im unteren Stockwerk spielte man Tropical mit Sonora Palacios Combo Camaguay etc. während die Orquestas típicas im 1.OG gastierten: Roberto Firpo, Donato Racciatti, Francisco Canaro, Miguel Villasboas, Nicolas Agapio.

Alberto Castillo 1956 Palacio Sudamerica
Alberto Castillo 1956 Palacio Sudamerica
Palacio Sudamerica 1991
Der Haupteingang 1991
Links: Palacio Sudamerica, rechts die Schrift " Las mejores Orquestas"
Anfang der siebziger Jahre kamen hier noch ca. 1800 bis 2000 Gäste jedes Wochenende zum Tanzen. Der Eintritt im Palacio Sudamerica kostete genaussoviel wie ein Ticket mit dem Stadtbus. Am Eingang wurde man von der Polizei auf Waffen gefilzt und Zuhälter gingen hier mit Ihren Dirnen auf Kundenfang. Ein Pflaster das auch einigen Berlinern die dort zu Besuch waren Respekt abverlangte. Im Jahr 2009 verkaufte der "Club Atlético Sudamerica" das Gebäude an Private Investoren und seitdem gibt es dort nur noch die "Interbailables" ein Tanzabend der jeden Sonntag von 21:30 bis 0:30 geht. Das Estudio Sudamerica in Berlin hat seinen Namen nach dem "Palacio Sudamerica" erhalten, denn dieser Tanzsalon inspirierte den Autor in seiner Jugendzeit zum Tanzen (1971 -73).